Naujoks im Handelsblatt: Im Osten viel Neues

Klaus Hellmann hat familiär bedingt beste Verbindungen ins Reich der Mitte: Der Gesellschafter des Osnabrücker Logistikdienstleisters Hellmann Worldwide Logistics mit 4 200 Mitarbeitern allein in Deutschland ist mit einer Chinesin verheiratet. Mit seiner Ehefrau zusammen hat Hellmann einen großen Auftrag aus China an Land gezogen: Das Familienunternehmen lässt im laufenden Jahr rund 100 Frachtzüge zwischen Asien und Europa pendeln. Auf dem Weg gen Osten sind die insgesamt 22.000 Container vollgepackt mit Elektrotechnik, Fahrzeugen, Maschinenbauteilen und chemischen Erzeugnissen. Auf dem Rückweg sind auf den Waggons vornehmlich Textilien und Rohstoffe. Für die etwa 10.000 Kilometer durch Kasachstan, Russland, Weißrussland und Polen braucht ein Zug 18 Tage, ein Schiff ist zwischen Europa und China bis zu 40 Tage unterwegs. „Die Schienenroute bietet deutschen Firmen eine tolle Chance, den Anschluss an neue Märkte zu schaffen“, sagt Hellmann.

Auch andere mittelständische Speditionen entdecken gerade den China-Zug für sich. Die Schienenverbindung gehört zur Initiative Neue Seidenstraße – einem Netz aus Handelswegen, das China mit Europa und den dazwischenliegenden Ländern verbinden soll. Entlang der Routen entstehen Gewerbe- und Industrieparks, Logistikcenter, Kraftwerke und Pipelines. Zwei bereits realisierte Projekte: die Übernahme des Hafens von Piräus und das Flüssiggasprojekt Jamal-NLG auf der sibirischen Halbinsel.

Kooperationen sind gefragt

900 Milliarden Dollar will die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt in die Neue Seidenstraße investieren. Ziel: Besserer Zugang zu den Märkten in Vorderasien und Europa. Schon in der Entstehungsphase sind Kooperationen mit westlichen Unternehmen ausdrücklich erwünscht. Helmut Naujoks von der Genfer World Public Diplomacy Organization, die sich für die auch als „One Belt, one Road“ bezeichnete Initiative stark macht: „Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht chinesische Firmen bei deutschen Unternehmen anfragen.“ Oft mit Erfolg. So hat etwa eine Tochter der Unternehmensgruppe GP Günter Papenburg in Hannover einen 50 Kilometer langen Abschnitt der Autobahn A380 in Usbekistan gebaut. Auftragsvolumen: 86 Millionen Euro. Die Materialien mussten Hunderte Kilometer durch die Wüste transportiert werden.

Helmut Naujoks: „Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht chinesische Firmen bei deutschen Unternehmen anfragen.“

Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, hält den deutschen Mittelstand „mit seinem enormen Know-how und seiner internationalen Erfahrung“ für prädestiniert für die geplanten Infrastrukturprojekte. Gute Karten haben neben Logistikfirmen vor allem Maschinen- und Anlagenbauer sowie Zulieferer von Spezialausrüstungen, insbesondere in den Bereichen Energie, Bahntechnik und Hafenausbau. Doch es gibt auch warnende Stimmen: China strebe mit der Neuen Seidenstraße nach Hegemonie und ignoriere die Einhaltung von Umwelt oder Sozialstandards. Auch öffentliche Ausschreibungen fehlten. Noch-Außenminister Sigmar Gabriel ficht das nicht an. Engere Handelsbeziehungen würden dazu führen, dass sich beide Seiten aufeinander zubewegen. Chinas Mammutprojekt zeige, „wie weitsichtig dort gedacht und gehandelt wird“. Naujoks sieht das genauso. Deutsche Unternehmer sollten ihre Scheu vor den Asiaten ablegen – und Geduld mitbringen: „In China geht nichts schnell, schnell. Man braucht viele Gespräche, bis etwas Verbindliches auf dem Tisch liegt.“ Zu den Risiken der Geschäfte entlang der neuen Handelswege gehört, dass es zu Spannungen mit Bestandskunden kommen kann – vor allem amerikanischen. Der Trump-Administration, die gegen diverse Unternehmen der Volksrepublik Sanktionen verhängt hat, sind die engen China-Kontakte der Europäer ein Dorn im Auge. Das lassen US-Konzerne und -Behörden ihre europäischen Geschäftspartner spüren. Folge: So mancher hiesige Mittelständler hält sich bedeckt über seine Seidenstraßen-Aufträge. „Die haben Angst, Kunden zu verlieren“, erklärt Hans von Helldorff vom Bundesverband Deutsche Seidenstraßen Initiative (BVDSI). Die USA fahren eine Politik der Behinderung, und auch die EU sieht das Projekt kritisch. „Dabei braucht der Mittelstand Rücken- statt Gegenwind“, findet von Helldorff. Mit einer Kompetenzplattform will der BVDSI Mittelständler über Seidenstraßen-Projekte informieren „und Türen öffnen“.

Helmut Naujoks: „In China geht nichts schnell, schnell. Man braucht viele Gespräche, bis etwas Verbindliches auf dem Tisch liegt.“

Vorsprung ausspielen

Leichter wird der Eintritt ins eurasische Business für kleine und mittlere Betriebe durch Zusammenschlüsse, so die Erfahrung von Kourosh Pourkian. Der Unternehmensberater verweist als Beispiel auf eine neue Geflügelverarbeitungsfabrik in der iranischen Provinz Mazandaran: Die Lübecker Firma Baader Linco hat die Schlacht- und Verarbeitungsanlagen geliefert, die bayerische Firma Huber die Wasseraufbereitung übernommen, Multivac aus Memmingen und Poly Clips aus Hattersheim steuerten die Verpackungsmaschinen bei, die Gea Group die Kühlanlagen. Den 20-Millionen-Euro-Auftrag hatten die Deutschen gegen asiatische Konkurrenz gewonnen, „weil sie ein Komplettpaket geboten haben“, weiß Pourkian. „Mit dem Ausbau der Infrastruktur werden völlig neue Wirtschaftsräume erschlossen.“ Auf Kooperation basiert auch die Idee der „digitalen Baustelle“: Bauunternehmen bündeln über eine Onlineplattform ihre Kompetenzen und die ihrer Zulieferer. „Ein solches Wertschöpfungsnetzwerk stärkt die Marktposition des Unternehmens“, erläutert Johannes Diemer, Industrie-4.0-Manager beim Technologieberater DXC. „Bei der Größe des Vorhabens Neue Seidenstraße werden nur mittelständische Betriebe zum Zuge kommen, die sich zusammentun.“ Für sie haben DXC und das Fraunhofer Institut IPA den virtuellen Marktplatz „Virtual Fort Knox“ entwickelt. Für Diemer ist „der kleine Digitalisierungsvorsprung, den deutsche Unternehmen gegenüber chinesischen derzeit noch haben“, eine Trumpfkarte, um den neu entstehenden Markt zu erschließen. „Das Zeitfenster dafür ist allerdings nicht mehr lange geöffnet.“

Quelle: Handelsblatt vom 07.12.2017

 

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